Stephan
Eicher am Blue Balls Festival im KKL,
Luzern (21.Juli 2006)
Akustik
und Elektronik
An
seinem einzigen Schweizer Konzert in
diesem Jahr vermengte Stephan Eicher
akustische mit elektronischen Klängen,
gab sowohl Songs aus seinen Anfängen
als auch zwei brandneue, berndeutsche
Lieder zum Besten und berührte
vor allem mit Coverversionen.
Von
Christoph Aebi (Christoph Aebi@gmx.net)
In Luzern angekommen, hatte man fast
den Eindruck, Eicher-Festspielen beizuwohnen.
Nicht nur zierte Stephan mit seiner
akustischen Gitarre das offizielle Festivalplakat,
geknipst vom Starfotografen Jean-Baptiste
Mondino. Das Sujet wurde auch auf Dutzenden
von wehenden Fahnen und Pappstellern
verwendet, rund um das Luzerner Seebecken
verstreut. Zudem hatte er die Ehre,
das diesjährige Blue Balls Festival
im KKL zu eröffnen. Dass die Organisatoren
damit grösstenteils auf die richtige
Karte gesetzt hatten, widerspiegelte
sich nicht nur im Ticketvorverkauf,
war doch Stephans Konzert das am schnellsten
ausverkaufte des ganzen Festivals.
Conférencen
und Trinker-Balladen
Drinnen im KKL, auf der in
blaues Licht getauchten Bühne,
konnte man eine Vielzahl von Instrumenten
ausmachen, die Spannung begann zu steigen,
als Stephan Eicher zusammen mit seinen
3 Begleitmusikern die Bühne betrat
und gleich mit dem neuen, in Zusammenarbeit
mit dem Schriftsteller Martin Suter
entstandenen Song, „I weiss nid,
was es isch“, einer wunderschönen,
von Akustikgitarre, Piano und Mundharmonika
getragenen Ballade, loslegte. Angekündigt
war, dass Stephan an diesem Exklusivkonzert
Songs aus der Anfang 2007 erscheinenden,
noch unbetitelten neuen CD vorstellen
würde. Schlussendlich wurden aber
nur deren zwei uraufgeführt, was
doch den einen oder anderen Konzertbesucher
enttäuscht haben mochte. „Charlie“,
ebenfalls mit Martin Suter geschrieben,
war dann eine Art Lounge-Jazz-Trinker-Ballade.
Er hätte festgestellt, dass in
seinen Songs doch auffallend oft der
Konsum von alkoholischen Getränken
eine Rolle spiele, meinte Eicher, einer
seiner frühesten Songs, „Ce
soir je bois“, habe er aber „voll
auf Rimuss“ zu Papier gebracht.
Wie wieder einmal festzustellen war,
ist Stephan nicht nur ein versierter
Musiker, sondern auch ein witziger Conférencier,
der zu spät gekommenen Konzertbesuchern
spontan anbietet, die bereits gespielten
Songs im Schnelldurchlauf nochmals zum
Besten zu geben.
Multiinstrumentalisten
und die Klaviatur des Entertainments
Auch später im Set wurde
klar, dass Eicher die Entertainment-Klaviatur
perfekt beherrscht. Er kündigte
einen ganz neuen Song an, so neu, dass
er den Text ablesen müsse und auch
die Gitarrengriffe noch nicht ganz beherrsche.
Was dann folgte, war eine Coverversion
des Edith Piaf-Chansons „La goulante
du pauvre Jean“, ein Lied, welches
Stephan bereits während der letztjährigen,
„Autoportraits de Stephan Eicher“
betitelten, Solo-Tournee in seinem Repertoire
hatte. Wer Eicher während eben
jener Solo-Tour gesehen hatte, kannte
bereits die Verbindung von akustischen
mit elektronischen Klängen, welche
den Hauptteil des Konzertes ausmachten.
Eicher, meist sitzend mit akustischer
Gitarre, hatte kürzlich verlauten
lassen, er wolle seine Musik von allem
Überflüssigen entschlacken.
Am Konzert in Luzern bestanden aber
einige Songs, zum Beispiel der Klassiker
„Combien de temps“, aus
dermassen vielen Klängen verschiedener
Instrumente als auch vorproduzierten
Sounds aus dem Laptop, dass von einer
Reduktion nicht viel zu merken war und
auch den Liedern selber nicht immer
allzu gut tat. Zweifellos hatte Eicher
eine erlesene Schar virtuoser Multiinstrumentalisten
mitgebracht: Der Holländer Reyn,
welcher bereits auf Stephans letzter
CD „Taxi Europa“ einige
Songs produziert hatte und auch am neuen
Album mitwirken wird, bediente sowohl
den Konzertflügel als auch diverse
Keyboards, die Gitarre genauso wie das
Schlagzeug. Toby Dammitt, der sowohl
auf der Taxi-Europa-Tournee als auch
bereits für Iggy Pop getrommelt
hatte, war vornehmlich an den Drums
beschäftigt und der Deutsche Martin
Wenk, Mitglied der amerikanischen Rock-Formation
Calexico, bediente neben der Gitarre
auch Trompete, Mundharmonika, Vibraphon
und Akkordeon.
Dienstverweigerer
und RAF-Terroristen
Hatte Eicher vor sieben Jahren bereits
den Taxi-Song „Campari Soda“
für seine CD „Louanges“
aus der Versenkung geholt und in einer
wunderbaren Version neu umgesetzt, so
war auch an diesem Abend im KKL eine
Cover-Version der eigentliche Höhepunkt
des Konzertes. „Herr Oberschtdivisionär“,
das 1983 von Franz Hohler ins Schweizerdeutsche
adaptierte Chanson „Le déserteur“
von Boris Vian, zeigte einerseits, dass
das Lied über einen Dienstverweigerer
nichts von seiner Aktualität eingebüsst
hatte und andererseits wurde der Song
dermassen berührend vorgetragen,
dass Gänsehaut vorprogrammiert
war und man sich sehnlichst wünscht,
die Version werde es auf Eichers nächste
CD schaffen. Der Rumpelstilz-Klassiker
„D Rosmarie und I“ folgte,
bevor die Band, zur letzten Zugabe in
weisse Arztkittel gehüllt, nach
100 Konzertminuten noch einmal alle
Register zog und Stephan in seinen Song
„Oh Ironie“ ein gesampeltes
Zitat der ehemaligen RAF-Terroristin
Ulrike Meinhof einfliessen liess, als
aktueller Kommentar zum um sich greifenden
Terrorismus unserer heutigen Zeit.
Christoph
Aebi - Juillet 2006